5 – 12 Juli 2020


DER SCHUT
„Wohin reiten wir?“
„Nach Rugova zum Schut.“

(Dialog zwischen Hadschi Halef Omar und Kara Ben Nemsi)

1.
Ausgangspunkt:

Die dritte Ausgabe des internationalen Kunstfestivals UNTER DEM PFLUG DER ZEIT findet vom 5. – 12. Juli 2020 wieder im Kosovo statt. Nach der Beschäftigung mit Entstehungs- und Zerstörungsmythen im Jahr 2018, dem Schicksal der Medea 2019 (>>Video), setzen wir uns 2020 mit dem 1892 erschienenen Roman Der Schut von Karl May auseinander. Der letzte Teil seines Orientzyklus wurde 1964 u.a. in Strellc, Peja und Decan verfilmt, also in den Aufenthalts- und Arbeitsorten unseres Festivals.
In der deutsch-französisch-italienisch-jugoslawischen Koproduktion muss Kara Ben Nemsi (Lex Barker) nicht nur Tschita (Maria Versini), die Tochter eines heimischen Bauern, sondern auch den Mann der noblen Touristin Annette Galingré (Marianne Hold) vor dem sicheren Tod durch den Banditen Schut retten – zwei von vielen äußerst schwierigen Aufgaben! Noch dazu in einer nicht deutschsprachigen Gegend, wo der Schut von manchen Einheimischen sogar als der Befreier des Balkans gefeiert wird!

Zahlreiche BewohnerInnen dieser Region haben zur Jugoslawien-Zeit als Kinder oder Jugendliche bei der Verfilmung mitgespielt und wissen heute noch genau, wo sich das Versteck des „Räubers“ Schut samt seiner Bande befindet. Und sie wissen auch: Der Schut ist nicht tot. Er verbreitet immer noch Angst und Schrecken. Niemand kennt die wirkliche Identität dieses Aufrührers. Wenn er erneut loszieht, ein Dorf verwüstet und die widerspenstige Bevölkerung auslöscht – dann nagelt er als Zeichen seiner Un-Kenntlichkeit ein abgeschnittenes Ohr an die Haustür!

Für das nächstjährige Festival wird die Kooperation mit mehreren Universitäten aus Mittel-, Osteuropa und dem Balkanraum fortgesetzt und ausgebaut. Darüber hinaus organisieren wir für an diesem Festival interessierte KünstlerInnen die Fahrt ins und den Aufenthalt im Reich des Schut. Neben den bereits erfolgten Zusagen von österreichischen Universitäten stellt nach der diesjährigen erfolgreichen Zusammenarbeit die kosovarische Universität UBT ihr Netzwerk an Hochschulen im Balkanraum dem Festival zur Verfügung. 50 internationale Studierende und ebenso viele internationale KünstlerInnen werden zum Festival eingeladen. Neben den Fakultäten für Kunstgestaltung und Architektur werden PerformerInnen, MusikerInnen, bildende KünstlerInnen, FilmemacherInnen und WissenschafterInnen in Decan, Peja, Strellc und Umgebung mitwirken. Dazu werden bereits im Vorfeld Gespräche mit BewohnerInnen des Kosovo geführt, um deren Eindrücke und Erlebnisse während der Dreharbeiten für das Festival zu nützen. Wir sind nicht an einer Nachverfilmung des Schut interessiert, sondern an einer zeitgenössischen Darstellung und Überwindung der politischen und künstlerischen Stereotypen und Klischees.

2.
Das Balkanbild im Roman und Film:

Karl Mays Völkerskizzen vom Balkan und sein Bild der AlbanerInnen sind
oberflächlich, lückenhaft und von Stereotypen durchzogen. Er gibt in seinen Balkanromanen den „Skipetaren“ weder eine albanische Sprache, noch einen albanischen Namen. Für seine Erzählungen bedient er sich u.a. unwissenschaftlicher Transkriptionen aus dem kyrillischen oder dem osmanisch-arabischen. Kara Ben Nemsi, das Alter Ego von Karl May, ist ein europäischer Kolonisator. Er hat „im wilden Balkan“ eine enorme zivilisatorische Aufräumarbeit zu vollbringen, ähnlich der Aufgabe des Herakles bei der Säuberung der Augias-Ställe. Dabei muss der deutsche Übermensch auf seiner Jagd nach dem unbekannten Schut permanent eine gewaltige Übersetzungsarbeit leisten: Er muss die Werte seiner zivilisierten
Heimat in diesem „feindlichen, exotischen Naturraum“ durchsetzen, um seinem Verständnis von Gesetz und Ordnung zum Recht zu verhelfen und den Schut seiner „verdienten“ Strafe zuzuführen.
Die Verfilmung aus dem Jahr 1964 greift die imperialen Narrative von Karl Mays Orient-Roman auf und verbindet sie ihrerseits, kurz nach dem 2. Weltkrieg und dem deutschen Eroberungsfeldzug durch den Balkan, mit filmischen Klischeebildern von „naturnahen“ Völkern, die mitteleuropäischen Wertvorstellungen vollkommen fremd gegenüberstehen. Aufgrund der binären Kodierung der Erzählungen müssen diese Störenfriede in Duell-Szenen ausgemerzt werden – wobei von Anfang an kein Zweifel darüber besteht, wer in diesem Kampf letztlich die Oberhand behalten wird.


3.
Unsere Arbeitsweise:

Bei der spielerischen Auseinandersetzung mit dem Karl-May-Roman und dessen Verfilmung arbeiten wir mit ausgewählten künstlerischen und theoretischen Texten auf Albanisch, Deutsch, BKS und Englisch. Die unterschiedlichen Balkan- und Europadiskurse begreifen wir als Möglichkeit, sich des je eigenen Standpunktes bewusster zu werden, um überprüfen zu können, mit welchen Vorurteilen und Stereotypen das eigene Denken behaftet ist. Zur Reflexion dienen uns dabei vor allem interdisziplinäre und interkulturelle künstlerische Positionen, die herkömmliche Denkweisen zu durchkreuzen vermögen und z.B. die Blickrichtung von Innen und Außen, Sprachmacht und Ohnmacht, Bildgewalt und Gestaltlosigkeit austauschen oder auflösen.
Wir möchten historische Raumbegriffe und Sprach- sowie visuelle Bilder
interdisziplinär untersuchen, um zu einem Wahrnehmungs-Wandel der tradierten Vorstellungen von Raum und Fremdheit zu gelangen. So wie die Studierenden und KünstlerInnen aus Mittel-, Osteuropa und dem Balkanraum wandern, um sich gemeinsam in einem kleinen Dorf namens Strellc zu treffen und von dort weiter in andere Ortschaften wandern und durch den Kosovo reisen, so sollen das Denken und die Konzepte (auch untereinander) wandern. Wir begreifen den gemeinsamen Lernprozess als eine unkontrollierbare Bewegung und das lernende Subjekt als
permanent in Bewegung und Veränderung befindlich. Auch Theorien,
Begrifflichkeiten und Sprach-Bilder sollen einem Wandel unterzogen werden. Dabei soll das eigene disziplinäre, aber auch das interdisziplinäre Denk- und Urteilsvermögen weiterentwickelt werden. Weltsicht und Handeln der Lernenden sollen spürbar und für einen selbst und für andere sichtbar gemacht werden. Dadurch können neue kulturelle, politische und künstlerische Zusammenhänge hergestellt werden, die vorher nicht bewusst und deshalb auch nicht aufrufbar waren.
Manchmal ermöglicht ein Sprung die Überquerung der Todesschlucht, nicht ein Schritt.


4.
UNTER DEM PFLUG DER ZEIT
ist eine Plattform, die möglichst junge Menschen aus dem Balkan und Mittel- und Osteuropa zusammenführt. Sie misstraut den herrschenden politischen und ökonomischen Regeln, Ideologien und Wahrnehmungen. Sie öffnet sich radikal neu zu entdeckenden Künsten, Wissenschaften, Technologien und Sprachen.

UNTER DEM PFLUG DER ZEIT kooperiert mit Universitäten, Schulen,
Technologiebetrieben, KünstlerInnen, sozialen und karitativen Einrichtungen aus mittlerweile 20 Ländern. Unser Kapital maximiert sich mit den Erlebnissen und Erfahrungen, die wir im transnationalen, interkulturellen und interdisziplinären Austausch gewinnen.

Unser Spiel ist unberechenbar. Und unser Spiel ist ernst. Den SCHUT begreifen wir als internationale künstlerische Werkstatt, die einen Transfer, Austausch, Umbau und die Auflösung von kolonialistischen Vor-Bildern und Stereotypen ermöglicht.


5.
Allgemeine Daten:

Veranstaltungszeitraum: 5.-12. Juli 2020
Präsentation: 11. Juli 2020
Veranstaltungsort: Die Regionen Decan und Peja im Kosovo.
Veranstalter: Der österreichische Kunstverein transit in Kooperation mit dem kosovarischen Kunstverein Stralli.
Verantwortliche Personen: Andreas Pronegg (AUT), Katarina Csanyiova (SK), Alban Beqiraj (XK), Rajmonda Ahmetaj (XK).
Bislang beteiligte Institutionen: Universität Innsbruck, Technische Universität Wien, UBT Universität Prishtina, Schulen, soziale und karitative Einrichtungen, Technologiebetriebe.
Teilnehmende Personen: Ca. 50 Studierende aus Mittel-, Osteuropa und dem Balkanraum, und ca. 50 KünstlerInnen, WissenschaftlerInnen, Lehrende und TheoretikerInnen.

Für Interessierte:
Anreisetag: 5.7.2020. Abreisetag: 12.7.2020
Die Teilnahmekosten für das Festival 2020 belaufen sich auf ca. EUR 250.-
In diesem Preis sind inkludiert:
– Organisierte Busreise von Wien (am 4.7.2020, 16 Uhr) nach Peja und retour (am 12.7.2020, 17 Uhr).
– Hotelaufenthalt 7 Nächte in Peja.
– Reisen durch den Kosovo (u.a. nach Strellci, Deçani, Gjakova, Prizren)
– 3 x Catering während der Proben in der Kulla.

Für nähere Informationen und Anmeldung:
mail@stralli.org

Für die Vereine transit und Stralli:
Andreas Pronegg
Wien, am 26.9.2019